Podiumsdiskussion über Bildung: “Reißen Sie die Scheite aus dem Feuer.”

Schon der Publikumsandrang sagte einen weiteren Höhepunkt des zwischentages 2013 in Berlin voraus. Über 200 Besucher wohnten der Podiumsdiskussion über “Bildung und ihre Organsation” bei – die Sitzplätze waren vollbesetzt, unzählige Zuschauer mussten stehen. Die Teilnehmer dieser hochaktuellen Debatte waren vielversprechend: Karlheinz Weißmann, Historiker und seit 30 Jahren Gymnasiallehrer. Als zweites George Turner, Buchautor, ehemaliger Uni-Präsident in Hohenheim und Berliner Wissenschafssenator a.D.

Weißmann erklärte, der Bildungsnotsand befinde sich seit den 1980er Jahren im “freien Fall”. Menschen ohne Bildung würden Bildungsminister, Bildung verkomme zur Verfügungsmasse für tagespolitische Koalitionsgeplänkel. Es mache den Eindruck, dass Leute mit guten Abschlüssen nur noch ruhiggestellt werden sollten. Begonnen habe der Trend, so Weißmann, mit der Politisierung der Universität, dem egalitären Zeitgeist seit den 1970er Jahren, sowie auch der Einflussnahme durch die Ökonomie: “Es gibt keine kulturelle Trägerschaft mehr, für die Bildung einen Wert an sich hat.”

Turner widersprach in einer Sache: Das Wort “Bildung” werde auch in der Politik so häufig gebraucht, wie noch nie. “Doch gemeint ist Ausbildung”. Turner argumentierte mit Zahlen: Heute gebe es in der Bundesrepublik 2,5 Millionen Studenten. Das seien 50 Prozent der 20-25-Jährigen. Davon studierten zwei Drittel an einer Uni, ein Drittel an einer FH – “umgekehrt wäre es besser!” Die schiere Masse an Studenten sei an einer spezifischen, praktisch ausgerichteten Fachhochschule besser aufgehoben. Universitäten seien sinngemäß Orte für eine kleine geeignete Minderheit: “Es gibt zuviele Universitäten.” Derweil fände eine Aufwertung der FHs statt, die den Unis nacheiferten.

Beide betonten, dass die Bildungsdiskussion, die auf eine Änderung der alten Bildungsstrukturen abzielte, ihren Ursprung nicht bei den 68ern hatte. Jedoch waren es diese, die Bildungsexpansion mit technokratischem Machbarkeitsglauben, Egalisierung und Absenkung des Niveaus verquickt hätten. “Das Kleinbürgertum war nie leistungsfeindlich”, erklärte Weißmann. Doch auch wirtschaftsnahe Verbände wie UNESCO oder OECD erzeugten seit Jahrzehnten einen Druck aufs deutsche Bildungssystem, der fragwürdig begründet sei.

Auf die Frage eines jungen Lehramtsreferendars im Publikum, was Weißmann angehenden Lehrern empfehlen könne, antwortete dieser süffisant: “Reißen Sie die Scheite aus dem Feuer.” Man müsse für die Schüler da sein, für die es sich lohne.

5 Kommentare

  1. Falls der Referendar, die die Frage gestellt hat, oder andere Referendare oder Lehrer hier mitlesen: Ich bin ebenfalls Referendar und überlege schon seit längerer Zeit, eine Internetseite einzurichten, auf der nützliche Links, Lektüreempfehlungen und Lektürematerial, sonstige Materialien zum Einsatz im Unterricht, einfach nur Ideen usw. gesammelt werden. Das alles natürlich aus konservativem Blickwinkel, denn linkes Material gibt es ja leider viel zu viel in der Schule.

    Über Unterstützung jeglicher Art würde ich mich sehr freuen (vor allem natürlich über die Bereitschaft, selbst auch Inhalte beizusteuern).

    Kontakt vielleicht am besten hier über den Kommentarbereich?

  2. Der interessanteste Gedankengang der letzten Zeit! Der geheime Lehrplan für das geheime Deutschland…dunkelrote Didaktikraben haben uns den Lehrerberuf geklaut- Zeit, ihn uns zurückzuholen!

  3. @Daniel
    ich bin ebenfalls Referendar und wäre zu einer Kooperarion bereit. Wie ist ein regelmäßiger Kontakt realisierbar?
    Gruß

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